#Specialdays – Leseprobe „Der steinerne Garten“ von Jayden V. Reeves

#Specialdays – Leseprobe „Der steinerne Garten“ von Jayden V. Reeves

© Alaur Rahman von Pexels / Jayden V. Reeves

Er hörte, wie im Innern jemand die Treppe hinuntergepoltert kam, und einen Moment später riss Nathanyel die Haustür auf. »Oh Riley!«, rief er übertrieben fröhlich. »Komm herein und sieh, wer uns mal wieder spontan mit seinem Besuch beehrt hat!« Mit einer theatralischen Geste trat er zur Seite und Rileys Blick fiel auf Delwyn, der auf dem unteren Viertel der Treppe stehen geblieben war und ihm säuerlich mit seinen hervorstehenden, wässrigen Augen entgegen starrte.
Riley hob die Hand. »Hi Delwyn.«
Delwyn erwiderte seinen Gruß nicht. Mürrisch sah er von Riley zu Nathanyel. »Prügelt ihr zwei euch jetzt schon? Hat ja nicht lange gedauert«, sagte er trocken und spielte damit ohne Zweifel auf die Verletzungen in ihren Gesichtern an. »Hat Ihnen mein Bruder den Zahn ausgeschlagen oder haben Sie sich nur an einer Becherkante gestoßen?«
Es war beißender Spott. Riley presste die Lippen zusammen und schwieg. Nathanyel hingegen, ließ ein belustigtes Grunzen vernehmen.
»Sie sehen krank aus, Riley.« Argwöhnisch musterte Delwyn ihn.
»Er hatte in den letzten Tagen mit einem Magen-Darm-Virus zu kämpfen«, schoss es aus Nathanyel heraus. Bedauernd schüttelte er den Kopf. »Grässliches Leiden.«
Riley klappte der Mund auf. Verdattert sah er Nathanyel an.
»So … Magen-Darm-Virus«, meinte Delwyn kühl. »Dann muss er wohl einen Zwillingsbruder haben, der dich in der letzten Nacht in mein Casino begleitet und später vor mir Reißaus genommen hat.« Mit einem übertriebenen Stirnrunzeln wandte er sich an Riley. »Merkwürdig. Meine Informationsquellen haben mir allerdings geflüstert, dass Sie eine Zwillingsschwester haben.«
Riley schnaufte und schüttelte ungläubig den Kopf.
Was wisst ihr beiden eigentlich nicht über mich?
»Oh, ich dachte, ich lasse ihn mal wieder etwas anderes als das Badezimmer sehen.« Nathanyel grinste grimassenhaft. »Solche Ausflüge haben eine gar beflügelnde Auswirkung auf die Gesundheit.«
»Tatsächlich?»
»Durchaus.«
Delwyn räusperte sich demonstrativ. »Sagen Sie, Riley, ist es nicht noch ein wenig kalt dafür, um das Haus ohne Jacke zu verlassen?« Er verharrte für einen kurzen Moment auf den markanten Tätowierungen auf Rileys Unterarmen. Reflexartig verschränkte dieser die Arme ineinander und verdeckte dabei die immer noch sichtbaren Einstiche in seinen beiden Armbeugen und den ringförmigen Schorf um sein rechtes Handgelenk. Misstrauisch verengte Delwyn die Augen und Riley erwiderte den Blick grimmig.
»Tee, Delwyn?« flötete Nathanyel zuckersüß und hob die Augenbrauen hoch.
»Danke, ich verzichte«, knurrte Delwyn, ohne den Blickkontakt zu Riley zu unterbrechen.
»Dann bitte, nach dir.« Nathanyel machte eine einladende Bewegung in Richtung des Wohnzimmers. Widerstrebend drehte sich Delwyn herum, um voranzugehen.
Riley verzog den Mund und sah grübelnd zu Boden. Offenbar stand Delwyn seinem jüngeren Bruder, was die Beschaffung von Informationen betraf, in nichts nach, und er fragte sich beunruhigt, wie weit Delwyns Kenntnisstand über die Ereignisse in seinem früheren Leben eigentlich war.
»Wirklich keinen Tee, Delwyn?«, hörte er Nathanyel noch einmal fragen.
Gegen seinen Willen musste Riley grinsen.
Du würdest ihm niemals ernsthaft einen Tee anbieten, Pritchard. Eher würdest du ihm ins Teewasser pissen.
Gemächlich folgte er den beiden, doch im Wohnzimmer stockte ihm sogleich der Atem. Mit leichtem Unbehagen bemerkte er, dass sich dieser Raum in einem nicht viel anderen Zustand befand als die Küche nebenan. Wie viele Bücher hatte Nathanyel eigentlich zerlegt, während er geschlafen hatte?
Riley lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete Delwyn, welcher wie erwartet, mit einem unverhohlen abgestoßenen Gesichtsausdruck die Unordnung betrachtete.
»Nun?«, fragte er schließlich schneidend, während sein Bruder sich auf seinen angestammten Platz fallen ließ.
Nathanyel zog fragend die Stirn kraus. »Was … nun?«, erwiderte er.
Delwyn blickte genervt zur Zimmerdecke hinauf. »Wo ist das Geld, Nathan?«
Nathanyel lächelte und faltete seine Finger auf dem Schoß ineinander. »Ist es bei dir so üblich, dass du deine Gäste durch halb London jagen lässt und sie dann persönlich zuhause aufsuchst, um deren Gewinn wieder einzufordern?«
Sein Bruder beugte sich zähneknirschend zu ihm hinab. »Es ist ein Unterschied, ob man es gewinnt oder es sich ergaunert! Ich habe dich davor gewarnt, dort aufzutauchen. Mit meinem Segen hätten dich meine Leute letzte Nacht ruhig über den Haufen schießen können!«
Nathanyel grunzte spöttisch. »Ich habe nichts Illegales getan, das weißt du. Und wenn dein Personal sich nicht als zuverlässig genug erweist, Hausverbote gewissenhaft zu überprüfen, ist das nicht mein Problem. Deswegen bleibt das Geld nicht automatisch in deinem Besitz.«
»Wo ist es, Nathan?« Delwyns Stimme zitterte mittlerweile vor unterdrückter Ungeduld.
Doch Nathanyel hatte sich offenbar vorgenommen, es auf die Spitze zu treiben. Arglos zuckte er mit den Schultern und streifte Delwyns Blick. »Ich habe es nicht mehr.«
Delwyn stieß einen ungläubigen Laut aus und richtete sich auf. »Was soll das heißen? Wo hast du es denn gelassen?«
»Ich habe es jemandem geschenkt«, entgegnete Nathanyel wahrheitsgemäß. Lässig schlug er die Beine übereinander und verfolgte ruhig, wie Delwyn zu kochen begann.
»Was hast du?« Delwyn presste sich mühsam beherrschend die Lippen aufeinander. »Wem?«

© Alaur Rahman von Pexels

»Das spielt keine Rolle und ich wüsste auch nicht, was es dich angeht. Ich habe das Geld gewonnen und kann es so verwenden, wie ich es für richtig erachte. Und wenn du damit ein Problem hast, wenn Gäste deinem geliebten Casino Geld aus dem Arsch leiern, mit durchaus legalen Spielmethoden im Übrigen, solltest du deine Berufswahl vielleicht noch einmal überdenken. Das passiert nämlich öfter, als du dir mit deinem, ohne Zweifel beschränkten, Denkvermögen vorstellen kannst.« Nathanyel legte den Kopf in den Nacken und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. »Wobei ich durchaus einer der Ersten wäre, der applaudieren würde, sollte dich in deiner jetzigen Stellung ein Herzinfarkt ereilen. Das wäre wohl ein Befreiungsschlag für die gesamte Nation und ich wäre sogar bereit, bei unserer Königin ein Veto dafür einzulegen, dass diesem Ereignis künftig mit einem neuen Nationalfeiertag gehuldigt wird.«
Ein unangenehmer Moment der Stille trat ein. Riley biss sich auf die Lippe und sah amüsiert zu Boden. Delwyn hatten die Worte seines Bruders wohl die Sprache verschlagen und es erweckte zunächst den Anschein, als wollte er umgehend das Zimmer verlassen, doch dann überlegte er es sich plötzlich anders. Er holte aus und es schien, als wollte er Nathanyel ins Gesicht schlagen, als dieser blitzschnell seine Hand um sein Handgelenk schloss und ihn festhielt. »Ich bin kein Kind mehr«, flüsterte Nathanyel drohend.
Delwyn riss sich los und sah mit deutlicher Abscheu auf ihn hinab. Anschließend erhellte sich sein Gesicht. Die blauen Augen schweiften langsam zurück zu Riley. »Natürlich. Da Sie ihn letzte Nacht begleitet haben, sind Sie wohl derjenige, welcher das Geld hat«, sagte er langsam.
Cool bleiben, Buchanan. Lügen kannst du perfekt.
Riley bemühte sich um einen höchst unschuldig ausschauenden Gesichtsausdruck. »Ich lag im Bett und hatte mit meinem Magen-Darm-Virus zu kämpfen.«
Höhnisch nickte Delwyn ihm zu. »Das kann ich mir denken. Sparen Sie sich Ihre Geschichten für jemand anderen auf. Ich werde es mir zurückholen!« Und mit einer Behändigkeit, welche Riley ihm gar nicht zugetraut hätte, war er aus dem Zimmer gelaufen und hetzte wenig später die Treppe hinauf.
Riley sah verblüfft zu Nathanyel, dann stürmte er Delwyn hinterher. Atemlos kam er vor der offen stehenden Tür seines Zimmers zum Stehen und nahm mit einigem Unmut zur Kenntnis, dass Delwyn bereits damit begonnen hatte, den Raum regelrecht auseinanderzunehmen. Gleich darauf wusste er nicht, ob er lachen oder sauer werden sollte, als er zusah, wie Delwyn ähnlich einem aufgeblasenen Wasserball umher wütete und seine persönlichen Sachen achtlos durch die Gegend warf. Er hatte bereits sämtliche Decken und Kissen vom Bett hinuntergerissen und selbst die Matratze angehoben und auf den Boden geschleudert. Anschließend war er mit einem Geistesblitz zum Kamin gelaufen und hatte gründlich, aber natürlich erfolglos im Schornstein herumgestochert. Nun stand er mit rußbeschmutzten Hemdsärmeln vor dem geöffneten Schrank und zerrte ein Kleidungsstück nach dem anderen heraus. Als er auch hier nicht fündig wurde, warf er zornig den Nachttisch um, sodass die Lampe klirrend zu Boden fiel und zerbrach. »Wo ist es?!«, schrie er ihn an, aber Riley verzog nur bedauernd das Gesicht. Delwyn trat ganz dicht an ihn heran und sah ihm starr in die Augen.
Vergiss es, du schmieriger Fettsack. Wage es nicht, mich anzurühren. Ich bin vielleicht nicht in Bestform, aber dich schaffe ich noch allemal.
Wieder stieg ihm der Duft des teuren Lancaster-Rasierwassers in die Nase, doch kühl hielt er Delwyns Blick stand. Inzwischen war Nathanyel ebenfalls im Obergeschoss angekommen und besah sich mit seiner üblichen ausdruckslosen Miene die Verwüstung im Zimmer.
Delwyns Augen begannen zwischen Riley und Nathanyel hin und her zu wandern. »Oh, ihr seid ja wirklich ein wunderbares Gespann. Wie schön, dass ihr euch gefunden habt.« Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Einen Freund an deiner Seite zu haben, muss ja ein lang entbehrtes Gefühl für dich sein, Nathan. Wie ist es, wenn du deine irren Weltanschauungen plötzlich wieder mit einem anderen teilen kannst?« Langsam hob er einen Zeigefinger und richtete ihn auf Nathanyel. »Sehe ich dich noch einmal in einem meiner Casinos, vergesse ich, was ich unserer Mutter einst versprochen habe. Das schwöre ich dir«, flüsterte er warnend.
Riley blinzelte verstört.
Nathanyel legte den Kopf schief und sah seinen Bruder nachdenklich an. Doch dann veränderte sich sein Blick und wurde eisig. Einen Moment später schmetterte er Delwyn mit dem Gesicht voraus hart gegen die Wand, so dass dieser vor Überraschung und Schmerz aufschrie. Grob drehte ihm Nathanyel den Arm in einem unnatürlichen Winkel auf den Rücken.
Verblüfft wich Riley zurück.
»Du willst mir drohen? Ausgerechnet hier? In ›diesem‹ Zimmer, Delwyn?«, sagte Nathanyel leise und starrte seinem Bruder in das vor Pein verzerrte Gesicht. »Du bist gar nicht mehr in Form, Delwyn«, sagte er kaum hörbar. »Wo ist deine so herausragende Schlagkraft geblieben? Was ist eigentlich passiert, dass du dich so hast gehen lassen … dass du auseinandergegangen bist wie ein wabernder Hefeteig? Plagt dich vielleicht etwas? Vielleicht möchtest du ja darüber reden … hier … in diesem Zimmer.«


© Jayden V. Reeves | Der steinerne Garten Bd. 1

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